Der Tanz im Jetzt-oder von unseren verschiedenen Bewusstseinszuständen

Eine Beobachtung zwischen Nürnberg und München

Mal angenommen Sie fahren heute nach München und es ist ein wunderschöner, sonniger Wochentag. Es ist nicht so viel Verkehr und die Strecke ist Ihnen bekannt.
Sie haben getankt und sind gut gerüstet. Sie fahren los. 3 Spuren, sie haben es nicht eilig. Deshalb nutzen sie die Spur rechts. Es ist ein schöner Immernoch-Wintertag im März. Die Felder sind mit Schnee überzuckert. Sie denken an Ihren Termin, sie sind gut vorbereitet und freuen sich darauf.
Sie haben ein Bild im Kopf, wie das werden wird. Sie sehen sich vor einem Flipchart stehen und einen tollen Vortrag halten.
Und gleichzeitig wird Ihnen bewusst, dass sie sich jetzt gedanklich in der Zukunft befinden. Und sie nehmen wahr, dass sie ihren Körper, die Arme und Beine grad nicht spüren. Aber sie nehmen Notiz von ihrer leicht angehobenen Schulter- und Nackenpartie. Sie wissen, dass das die Reaktion Ihres Körpers ist, auf Nervosität oder Ängstlichkeit vor Gruppen zu stehen. Komisch, da sehen Sie sich bei einem erfolgreichen Vortrag und trotzdem hat etwas in Ihnen Angst. Es dauert nur zwei, drei Sekunden bis Sie diesen Umstand gänzlich akzeptieren und sich entscheiden ihn dennoch los zulassen. Sie atmen tief ein und ihre Schultern fallen wie von alleine nach unten.

Jetzt wird ihr Kopf wieder leerer. Die Gedanken an den Vortrag verschwinden. Es ist ein sehr schönes Gefühl, welches sich einstellt, sie denken über nichts nach, und sie spüren plötzlich, ich bin im Jetzt, ihr Herz wird warm, es gibt ein Kribbeln im Körper und sie sind glücklich ohne Grund. Sie spüren die Handflächen am Lenkrad, die Beine auf dem erwärmten Sitz. Sie beobachten wie sie ganz ruhig und gleichmäßig atmen. Sie sind weit ausgedehnt und fühlen sich verbunden. Mit dem Wald, der Landschaft, den Menschen. Ihnen kommt das Bild in den Kopf, dass alles um sie herum nur Energie ist, reine Information, das Auto, die Autobahn, die Menschen, alles schwingende Information. Sie sind mit dem reinen Bewusstsein verbunden.

Vor Ihnen fährt ein Lastzug, mit viel geringerer Geschwindigkeit als sie sie  haben. Jetzt schwenkt Ihr Bewusstsein auf die Geschehnisse im Verkehr. Sie orientieren sich im Rückspiegel, drosseln die Geschwindigkeit, schalten einen Gang herunter, und setzen zum Überholmanöver an. Sie beschleunigen und überholen den langsamen Laster. Und scheren vor Ihm wieder auf ihre Spur ein. Jetzt wissen Sie, was mit Auto-Pilot gemeint ist, denn Ihnen gehen zwei Punkte durch den Kopf. Der erste Aspekt ist, dass Ihnen bewusst wird, dass sie 43 Kilometer weit Auto gefahren sind, ohne dass Sie etwas davon mit gekriegt haben. Das hat Ihr Unterbewusstsein übernommen. Während sie an den kommenden Vortrag gedacht haben und während sie sich danach im Zustand des reinen Bewusstseins befunden haben, hat ihr Unterbewusstsein 43 Kilometer zurückgelegt. Und in der ersten Situation, die es erforderlich machte, waren Sie mit voller Aufmerksamkeit bei dem Verkehrsgeschehen.

Und ein zweiter Aspekt wird Ihnen bewusst. Wenn Ihre ganze Aufmerksamkeit auf einer Handlung im Alltagsbewusstsein liegt, wie z.Bsp. überholen, sind sie zu 100% bei diesem Ereignis. Ihr Bewusstsein und Ihre Aufmerksamkeit fokussieren sich in Bruchteilen von Sekunden auf Geschehnisse, die z.B. Ihr Überleben sichern. Es ist so, als treten sie aus einem Bewusstseinszustand heraus und in einen anderen hinein. Und es wird Ihnen noch ein dritter Aspekt bewusst. Sie können sich im Zustand des reinen Bewusstseins befinden während sie Autofahren. Das war bisher immer ein Zustand der in tiefer, meditativer Einkehr als das Ziel schlechthin in Ihrem Weltbild rangierte. Und jetzt wissen Sie, es kann immer und überall passieren. Aber wie wird dieser erhebende Zustand ausgelöst?

Sie denken an Ihre Meditations-Lehrerin und die vielen Erfahrungen, die sie durch sie gemacht haben. Schöne Bilder  der gemeinsamen Erlebnisse  „slidern“  durch ihren Kopf. Gefühle gesellen sich dazu. Und sie merken, dass ein Teil von Ihnen gerade in einem Kinofilm sitzt, der bereits vor 5 Jahren gedreht wurde. Sofort realisieren Sie, dass Sie Ihren Gedanken und ihrem Bewusstsein gerade einen Ausflug in die Vergangenheit erlauben. Und zusätzlich realisieren Sie, dass ein anderer Teil weiter rechtschaffen Auto fährt. Und wieder ein anderer Teil beobachtet das Ganze und wird sich dieser Zusammenhänge bewusst.

Tachostand liegt jetzt bei 107 km. Sie sind vollkommen fasziniert von den beobachteten Ton-, Erlebnis- und Bewusstseinsspuren, die sich während sie sich mehr oder weniger auf Autopilot von einem Ort zum anderen bewegen, in ihrem Kopf wechseln. Oder wo passiert das eigentlich?

Ein Wohnmobil mit einer violett gesprayten Seite zieht an Ihnen rechts nach hinten. Das ist eine Farbe, die Ihrer Schwester gar nicht gefällt. Nein, die sie ätzend findet. Nein, noch schlimmer, bei deren Anblick Sie regelmäßig Ausraster bekommt. Ihnen fällt eine Szene aus Ihrer Kindheit ein, wo Sie sie nach allen Regeln der Kunst mit dieser Farbe geneckt und geärgert haben. Plötzlich wissen Sie, dass Sie sich immer noch schuldig fühlen wegen dieser Kinderstreiche. Sie selbst leben in einer glücklichen Beziehung, haben einen tollen Mann, liebevolle Kinder und ihre Schwester langt von einer Scheiße in die nächste. Sie reduzieren die Geschwindigkeit des Fahrzeugs, da drehen sich alle möglichen Aspekte in ihrem Kopf. Und von dem Zustand des reinen Bewusstseins von vorhin sind sie meilenweit entfernt.

Ihnen wird klar, dass sie sich in ein gedankliches Schuld- und Opferbewusstsein katapultiert haben. Sie haben gerade vergessen, dass ihre Schwester, genau wie Sie aus reiner Energie und Information besteht, dass sie alle miteinander verbunden sind und pulsierendes Licht sind. Dieses Konzept kommt Ihnen aber, wenn sie an Ihre Schwester denken, lächerlich vor.

Während der Verkehr langsamer und dichter wird, beobachten Sie, dass sie während der letzten Stunde ständig aus dem jetzigen Moment herausgetreten sind, in ein Ereignis der Vergangenheit oder der Zukunft hinein. Sie verfolgen diese Austritte und realisieren, dass beide Ausflüge, sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft jeweils auch mit unangenehmen Gefühlen verbunden waren. Sie fragen sich, ob Sie sich nicht manchmal mit diesem ganzen planenden, analytischen Abwägen für die „angeblich“ beste Zukunft und der bereuenden Scham über die „verpasste“ Vergangenheit vielleicht nicht selbst im Wege stehen? Was würde passieren, wenn Sie sich viel öfter nur im jetzigen Moment befinden würden? Und den Dingen ihren Lauf lassen könnten, während Sie einer viel größeren Macht erlauben, die Dinge einfach nach den besten Varianten zu gestalten. Sie müssen verschmitzt schmunzeln, als Sie daran denken, dass Sie weder Ihre Milchzähne geplant haben noch die Begegnung mit Ihrem Mann. Irgendetwas gibt es da draußen schon, das einen verdammt guten Job macht.

Ihnen zieht ein Bild durch ihr Bewusstsein: ein tanzender Mensch, der sich den lieben langen Tag lang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bewegt. Die rechte, zufriedene Weite liegt offensichtlich aber nur im Moment.

Ein Tanz im Jetzt.

Was Ihnen noch nicht ganz bewusst wird, ist die Tatsache, dass Sie mit ihrem beobachtenden Bewusstsein und einer deutlichen Wahl, eine neue Realität erschaffen habe. Als Ihnen Ihre verspannte Schulter- und Nacken-Partie bewusst wurde. Aber da werden Sie noch auf der Rückfahrt dahinter kommen.

Während das Ortsschild von München an Ihnen vorbeizieht, beobachten Sie, wie sich Ihre persönlichen Bewusstseins-Erkenntnisse  in dem Verkehrsgetümmel verlieren. Sie sind hell wach, kein Autopilot mehr, alle Aufmerksamkeit liegt bei den Ansagen ihres Navigationssystems.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.